Ameisen

 

 

Ich habe heute zwei Ameisen beobachtet die auf meinem Fenstersims

saßen. Zwei kleine Ameisen, die dort saßen, sich unterhielten und in die

Frühlingssonne blinzelten.

Aus Höflichkeit bot ich jeder von Ihnen ein Reiskorn meines Milchreises

an. Die eine bedankte sich höflich und begann dann sofort mit dem

Abstieg der Hauswand. Mit dem riesigen Reiskorn auf der Schulter

kletterte sie langsam und vorsichtig die steile Wand hinunter, schwankte

nach links und nach rechts, verlor scheinbar den Halt, fing sich wieder

und machte sich weiter daran, die gefährliche Strecke bis zu ihrem Bau

hinter sich zu legen.

Die zweite Ameise grinste, hob zum Gruß die Hand und machte sich

daran das Reiskorn auf der Stelle zu verputzen. Sie fraß so schnell, dass

ich förmlich sehen konnte wie sie anschwoll und sie unterbrach ihr

Fressen nur, um gelegentlich über ihre Kollegin zu kichern, wenn diese

gefährlich schwankte und zu fallen drohte.

Die kletternde Ameise hatte nun etwa ein Viertel der Strecke hinter sich,

und kam nun an eine Stelle der Hauswand, die mit Efeu bewachsen war.

Die Ranken, die ihr nun im Weg waren, wurden zu zusätzlichen

Hindernissen für sie und jede Überquerung zu einem wahren Kunststück.

Ich musste über den Mut der Ameise anerkennend nicken, die für ihr

Reiskorn ihr Leben aufs Spiel setzte. Ihre Kollegin, die dies sah, lachte nur

hämisch, rülpste, leckte sich die Finger und setzte sich an den Rand des

Fenstersimses, um, nun, da sie das Reiskorn verspeist hatte, sich

vollständig dem Abstieg ihrer Ameisengenossin zu widmen..,

 

Was für mich wie ein atemberaubender Drahtseilakt wirkte, musste für sie

sehr amüsant gewesen sein, denn jedes Mal, wenn Ich die Luft anhielt,

oder fast aufschrie, weil die Ameise an der Wand buchstäblich in der Luft

hing und ihr riesiges Reiskorn über Engstellen balancierte, krähte die

kleine, fette Ameise neben mir vor Lachen und schüttelte sich, bis ihr die

Tranen runter liefen. Sie schlug sich auf den Bauch und wieherte über die

Anstrengungen Ihrer Freundin, bis ihr der Atem wegblieb und sie sich

japsend beruhigte.

 

Die kletternde Ameise war nun fast bei der Hälfte der Hauswand

angelangt. Nur noch eine einzige Ranke war zu überwinden, die sie vom

letzten Stück glattem Abstieg trennte. Als sie diesmal ihre Last über das

Hindernis balancierte, hielt sogar die dicke, kleine Ameise den Atem an.

Es sah alles ganz gut aus, bis die Ameise hängen blieb, kippte und, um

sich in letzter Sekunde noch aufzufangen, ihr Reiskorn loslassen musste.

 

Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen sah sie, wie ihr

Reiskorn in die Tiefe trudelte, auf den Boden traf und in tausend kleine

Pfützen matschigen Relsbreischleims zersprang.

 

 

Das war zu viel für die kleine, fette Ameise neben mir. Sie schrie los. Sie

bepisste sich förmlich vor Lachen, bog sich durch, trommelte auf dem

Boden und auf ihrem Bauch, streckte alle sechs Beine von sich, zog sich

an den Antennen, und kugelte vor Lachen hin und her ————

und während ihr die Tränen in Strömen runterliefen und ihr trotzdem nicht

der Atem zum Brüllen ausging, kam sie zu nahe an die Kante; ...

rollte ein kleines Stück zu weit ... und fiel ...

Sie stieß einen quietschenden Schrei aus, irgendwas zwischen

„Herrgottszack“ und „Mami« und stürzte in die Tiefe.

 

Sie prallte direkt neben der anderen Ameise, die den Aufstieg rasch

beendet hatte, auf, kam wieder auf die Füße, torkelte hin und her und

musste sich schrecklich übergeben.

Sie kotzte das gesamte Reiskorn vor die Füße der entgeisterten Kletterin,

kotzte bis sie in einem See Reisbrei stand, kotzte bis sie gar nicht mehr

so fett war...

Dann standen sie da.

Beide umgeben von den traurigen, matschigen Resten ihrer Reiskörner.

Sie blickten in die knöcheltiefe Pfützen in denen sie standen, sahen sich

gegenseitig an... und fingen beide an bitterlich zu weinen.

 

Ich blickte ihnen noch nach, bis sie schluchzend und Arm in Arm gestützt

in ihrem Bau verschwanden.